Facebook als Pranger – ein Schritt in Richtung Selbstjustiz

Wer kennt sie nicht, die Aufforderung Bilder oder Statusmeldungen auf Facebook zu teilen. Oftmals ist damit ein ganz konkretes Anliegen verbunden, welches sich bei Firmen zum Shitstorm ausweiten kann, manchmal stecken aber auch ganz persönliche Schicksale dahinter.

Vermisste Kinder und Freunde wurden nun schon mehrfach via „Facebookfahndung“ wiedergefunden, manche sind allerdings auch nur einfach im Urlaub gewesen. Es ist ein schmaler Grad zwischen ernsthafter, dringender und falscher Sorge, der ein genaues Hinschauen erzwingt, eine Kompetenz die sich Behörden über Jahre angeeignet haben (sollten), Personen bei Facebook sind hier deutlich emotionaler geleitet – weil es ja nur ein Klick ist. Personen, die solche Aufforderungen verbreiten, hoffen auf eben dieses Mitleid vieler und werden bei Facebook selten enttäuscht.

Gestern ist in meiner Timeline nun ein ganz besonderer Fall aufgetaucht. Da sucht ein Vater einen Jungen, der seine Tochter auf dem Alstereisvergnügen umgefahren hat. Dabei hat sich die Tochter Verletzungen am Arm und im Gesicht zugezogen. So jedenfalls die Darstellung des Vaters. Der Junge ist nach dem Zusammenstoß weggefahren und hat sich nicht um die Tochter gekümmert. Kurz zuvor wurde der Junge allerdings fotografiert und eben dieses Bild ist jetzt bei Facebook veröffentlicht mit der Bitte diesen Jungen ausfindig zu machen.

Um es vorweg zu sagen, ich finde es ein unverantwortliches Handeln welches mehr als eine Frage aufwirft, die sich der Vater vor der Veröffentlichung hätte stellen müssen, auch wenn er vielleicht in einer emotionalen Stresssituation war.

  • Muss ich als Teilnehmer an einem Event wie dem Alstereisvergnügen nicht einfach mit Unfällen rechnen? (Wenn ich Fussballspiele muss ich auch mit einer Verletzung rechnen)
  • Wenn ich Schlittschuh laufe, muss ich nicht damit rechnen mit anderen zusammenzustoßen und vielleicht auch hinzufallen?
  • Was sollt mit dem Jungen passieren wenn er gefunden wird?
  • Ist es nicht ein nachvollziehbares Verhalten für jemanden zwischen 12 und 15 Jahren dass er wegläuft?
  • Hat der Junge keine Persönlichkeitsrechte, die der Vater durch seine quasi öffentliche Fahndung massiv verletzt?
  • Was hätte der Junge auch konkret tun können? „Tschuldigung“ sagen, vermutlich hat der Vater ja die Erstversorgung übernommen.

Neben dem Vater müssen aber auch die Personen (und ja ich habe solche in meiner Timeline) sich die Fragen gefallen lassen, die gedankenlos alles teilen, was irgendwie nach Hilfe aussieht, ohne Dinge zu Hinterfragen. Ein Facebookphänomen, welches zuletzt in den sehr kalten Tagen in Hamburg beobachtet werden konnte, als hunderte die Seite und Telefonnummer eines Hilfsprojektes teilten, welches Nachts mit einem Bus durch Hamburg fährt und Obdachlose mit warmen Getränken und Speisen versorgt. Die geteilte Information beinhaltete die Aufforderungen diesen Bus zu rufen, wenn jemand einen Obdachlosen in einer Notsituation sieht. In den Kommentaren beglückwünschen sich die User gegenseitig, wie toll ihr soziales Engagement ist. Aber:

  • der Bus fährt eine feste Route zur Verteilung der Lebensmittel und ist nicht für Notfälle zuständig
  • Notfälle werden von wem bearbeitet: Richtig der Feuerwehr und die Nummer sollte jede/r im Kopf haben
  • Gerade in den kalten Tagen fehlte es konkret dem Projekt an allem.

Statt was zu spenden oder gar selbst einfach mitzufahren oder dem Obdachlosen an der Ecke einen warmen Tee zu reichen, wird bei Facebook das Gutmenschentum hochgehalten. (Natürlich gibt es Menschen die direkt helfen und solche Meldungen teilen, da die Meldung aber tausendfach geteilt wurde, dürfte es der Logik nach in Hamburg kein Leid mehr geben)

Ich möchte niemanden vorwerfen, dass er nicht hilft, nicht spendet oder sonst was, aber einfach immer irgendwas teilen unter dem Deckmantel der Hilfe, ohne zu schauen, was da unterstützt wird halte ich für Augenwischerei und Selbstbeweihräucherung. Eben wie dieser Junge auf dem Alstereisvergnügen, der sich nach den bekannten Schilderungen sicher nicht vorbildlich verhalten hat, aber ihn öffentlich an den Pranger stellen halte ich für schlimmer.

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